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Diskussionsbeitrag zum Proseminar "Maqam-Musik und Musiktherapie" SS2010 (Lehrveranstaltung am Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien)
Im Zuge der Lehrveranstaltung "Maqam-Musik und Musiktherapie" wurde vor kurzem der Musiktherapeut und türkische Sufimeister Dr. Oruç Güvenç ans Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien eingeladen, der vor über 30 Jahren die Altorientalische Musiktherapie zu neuem Leben erweckt hatte. Dieser Gastvortrag bot den Studierenden die Möglichkeit sowohl rezeptive als auch aktive Musiktherapie zu erleben. Ein durchaus bereicherndes Erlebnis.
Nun ergab sich die Frage, ob die Altorientalische Musiktherapie nicht beispielsweise auch im Zusammenhang mit ADHS (AufmerksamkeitsDefizitHyperaktivitätsSyndrom) angewendet werden könnte (was wiederum die Dosierung bestimmter Psychopharmaka reduzieren könnte). Meine Auseinandersetzung mit dieser Frage zog seine Bahnen und endete in allgemein sozialen und gesellschaftlichen Überlegungen, die ich hier für passend erachte. Musikpädagogik kann neben der Vermittlung von Fertigkeiten und Wissen in Bereiche vordringen und Wirkungen zeigen, die man gemeinhin womöglich nicht angenommen oder beachtet hätte...
Diskussionsbeitrag vom 2010-04-28 17:10
Mit dem Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom ist das so eine Sache.
Erstens einmal wird die "Diagnose" im Volksmund, sofern der Begriff bekannt ist, wirklich schlampig vorgenommen - sobald ein Kind quirliger ist oder man erzählt, man wäre ein lebendiges Kind gewesen, schnellt das Urteil "ah, auch ein ADHS-Kind" ziemlich unreflektiert hervor (ist mir so auf der Uni begegnet). Hier über die Diagnosekriterien zu sprechen, ist vermutlich müßig, aber über die Handhabung "solcher Kinder" Gedanken zu machen, ist auf jeden Fall lohnenswert.
(Ich gehe jetzt von dem Fall aus, dass ADHS korrekt diagnostiziert wurde und keine anderen Gründe für ein "auffälliges" Verhalten vorliegen.)
Ich denke, dass EINE JEDE zugewandte Beschäftigung mit einem Kind förderlich ist, wenn es zu übermäßig aktivem Verhalten neigt. Wir stehen hier einem konzeptuellen Problem gegenüber, das mir immer wieder begegnet: behandeln wir das Symptom oder die Ursache? Wenn wir ein Symptom oder ein komplettes Symptombild, herkömmlich, Pharmaindustrie-treu, behandeln, steht natürlich die Medikamentengabe an erster Stelle. Wenn wir allerdings nachhaltig, behutsam, verständig und sensibel auf eine Person zugehen, zeigt dieser Zugang, individuell gesehen (wir lassen jetzt den Kostenentfall der Pharmaindustrie beiseite) so viel mehr an Zusprache. Es geht ja darum, dass sich - vor allem - ein Kind angenommen fühlt oder fühlen kann. Wenn jetzt im Zuge einer Musiktherapie, Maltherapie oder vielleicht Therapie mit Tieren das Kind "Erleichterung" erfährt (oder einfach nur Kanalisation seiner Engergien??), hat es neben diesem eingangs gewünschten Effekt auch noch die überaus wertvolle Komponente der individuellen Zuneigung erfahren. Gebe ich einem Kind ein Pulverl, auch wenn ich das ganz lieb tue, ist das doch eine dermaßen andere Geschichte...
Natürlich ist dieser Weg der aufwendigere, zeitintensivere, komplexere und zuweilen sicher mühseligere, doch hält man sich vor Augen wo der Profit stattfindet - undzwar beim Kind - so scheint dieser doch der nachhaltigere Weg zu sein. Leidergottes stehen wir dem aktuellen gesellschaftlichen Bild der arbeitenden Eltern gegenüber, das eine solche Zuwendung oft erschweren kann...
Ich merke gerade, dass man an diesem Punkt an so vielen anderen Stellen ansetzen könnte... doch dazu wäre eine interdisziplinäre Lehrveranstaltung möglicherweise der geeignetere Platz.
Ich wünsche mir, dass Familien die Chance geboten werden wird solche oder ähnliche Konzepte kennenzulernen und diese im Familienalltag in irgendeiner Form integrieren zu können. Lohnenswert wäre es - ohne Zweifel.
Die Wichtigkeit einer kreativen Tätigkeit im musikalischen Bereich und die kanalisierenden Effekte einer solchen, werden oftmals außer Acht gelassen. Es muss nicht unbedingt eine Therapie sein, die positive Effekte auf den Menschen ausübt, die "bloße" Auseinandersetzung alleine kann dem Wohlbefinden schon zuträglich sein. Und dazu leistet die Musikpädagogik mit ihren Vertretern einen wertvollen Beitrag.
Interview mit Dr. Oruç Güvenç (Informationen zur Person und Schaffen sowieAltorientalischer Musiktherapie allgemein):
http://www.sufiportal.de/text.php?id=80&s=read
Informationen zur Makam-Musik in Wien:
http://www.makamhane.com/
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